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Kalmitwingert

Historische Weinbergsanlage “Kalmitwingert”

Auf ca. 2900 m2 hat die Vereinigung “Gast und Wein” Ilbesheim 19 verschiedene Erziehungsformen der Rebe in der Rebanlage “Kalmitwingert” vereint.
Genau wie Kinder sich durch die Erziehung der Eltern entwickeln und reifen, gedeiht die Rebe unter der Hand des Winzers in einem Weinberg – einem Wingert. Ein Kind wird durch die Eltern entsprechend seiner Anlagen gefördert. Auch der Winzer hat zu jeder Zeit und an jedem Ort die Eigenschaften der Rebe, des Wingerts, der geografischen und klimatischen Gegebenheiten bei der Erziehung der Reben, in Betracht gezogen.

Durch die Differenziertheit der äußeren Zwänge und den Fortschritt in der Bearbeitung haben sich die verschiedenen Erziehungsformen entwickelt. Aus diesen Gründen ist es sehr schwierig eine exakte zeitliche Einordnung der im “Kalmitwingert” zu sehenden Erziehungsformen vorzunehmen. Verschiedene Erziehungsformen, mit oder ohne Holzunterstützung/Holzkonstruktionen wurden gleichzeitig an unterschiedlichen Orten praktiziert. Erst durch die Einführung des Weinbergsdrahtes ist eine zeitliche Einordnung der moderneren Erziehungsformen möglich.

Die Vereinigung “Gast und Wein” Ilbesheim hat mit dieser Anlage versucht einen Überblick der Entwicklung des Weinanbaues zu zeigen. Am Anfang stad die Idee, der Weg zu der Verwirklichung des “Kalmitwingerts” hieß aber auch sich über die Erziehungsformen der Vergangeheit in historischen Quellen zu informieren. Die Umsetzung, das heißt das tatsächliche Anlegen der einzelnen Erziehungsformen bedeutete die gewohnten Arbeitsgänge der heutigen Zeit in den Hintergrund zu drängen und wie die “Rebmänner”, die “Weinleute” von früher zu arbeiten.

Die Mühe hat sich gelohnt! Im Herbst 1997 wird zum ersten Mal geerntet-der “Jungfernwein vom Kalmitwingert”, wird bestimmt zu einem Sammlerobjekt werden. Die Anlage ist mit Reben der Sorte Weissburgunder bestockt. Die Ausnahme dazu findet man lediglich in der Erziehungsform “Halbbogenerziehung modern”.

Die Erziehungsformen im Überblick:

Freiwachsende Reben/Kriechende Reben Anlage Nr. 1
Die Reben werden bei dieser Erziehungsform gar nicht unterstützt. Sie kriechen freiwachsend am Boden.

Baumerziehung Anlage Nr. 18
Die Rebe ist wie eine Liane eine Schlingpflanze. Die Wildrebe wächst in Wäldern an Bäumen und breitet ihre Blätter über den Baumkronen aus. Diese von der Natur gewählte Art des Wachsens machten sich die ersten Völker, die den Wein kultivierten, zu eigen. Allerdings ließen sie die Reben nicht über die Baumkrone hinauswachsen, denn dort konnte man nicht mehr ernten, sondern spannte die wachsenden Triebe Girlanden ähnlich von Baum zu Baum.

Heckenerziehung (Bockschnitt) Anlage Nr. 2
Auch hier wird der Rebe, nachdem sie kräftig genug ist, kein Unterstützungsmaterial angeboten. Bei dieser Erziehungsform werden die wachsenden Triebe nach oben gebunden. Die Rebe erinnert stark an Johannisbeerbüsche.

Pfahlerziehung Anlage Nr. 3
Diese Erziehungsform wird hauptsächlich in steileren Lagen angewendet. Der Rebstock wird mit einem einzelnen Pfahl gestützt.

Geschlossener Kammertbau Anlage Nr. 16
Eine Art der Kammererziehung brachten schon die Römer in die Pfalz. Hier werden vier senkrecht angeordnete Pfähle, Balken aufgelegt, so dass eine Art Gewölbe entsteht. Diese Art des Wuchses erklärt auch den Namen “Kammert/Kammer” im Lateinischen: vinea camerata, das bedeutet “gewölbtes Rebendach”.

Doppel-Kammer-Erziehung Anlage Nr. 15
Diese Laubenerziehung ist technisch kompliziert und materialmäßig eine der aufwendigsten Formen der Rebenerziehung. Die “Kammer” wird durch Längsbalken und Querbalken doppelt geschlossen, sodaß ein Geviert ensteht.

Offener Kammertbau Anlage Nr. 13
Beim offenen Kammertbau entfallen die Querbalken. Der erste Schritt zur modernen Zeile, wie wir sie heute kennen. Die Mechanisierung – das Arbeiten mit Maschinen und Zugtieren war möglich.

Pergola Anlage Nr. 17
Auch die Pergola ist eine Form der Laubenerziehung, hier jedoch eher ein Laubengang. Die Basis einer Pergola kann ein einziger Weinstock sein, der sich über die Holzkonstruktion (heute wird auch mit Metall und Draht gearbeitet) rankt.

Hohe Pfälzer Erziehung Anlage Nr. 14
Diese Erziehungsform ist eine Verbesserung des Kammertbaues. Bei der Rebunterstützung wird mit Sandstein, Draht und Eisen gearbeitet.

Niedere Pfälzer Erziehung Anlage Nr. 4
Diese Form der Erziehung wird unterstützt von Holzstickel und zwei Drähten. Der Rebstock wird relativ kurz gehalten mit zwei Steckern (gestreckte Austriebe). Bei der Bearbeitung bedeutet dies ein häufiges Hinunterbeugen.

Verbesserte Niedere Pfälzer Erziehung Anlage Nr. 5
Die Unterschiede zur Niederen Pfälzer Erziehung liegen hier in der Erziehung mit zwei Bogenreben (gebogene Triebe). Ein dritter Draht kam zur Unterstützung hinzu. Es ist die Urform der heutigen Halbbogenerziehung

Halbbogen mit 2 festen Drähten Anlage Nr. 11
Der Weinberg ist bei dieser Erziehungsform in Zeilen eingeteilt. Das unterstützende feststehende unbewegliche Drahtgerüst wird durch die Holzstickel (andere Materialien gab es noch nicht) stabilisiert.

Halbbogen mit zwei beweglichen Drähten Anlage Nr. 12
Die hohe Mechanisierung der Arbeiten im Weinberg brachte es mit sich, dass aus den zwei festen Drähten zwei bewegliche Drähte wurden. Dies bedeutete auch eine rationellere Arbeitsweise im Weinberg.

Kordonerziehung Anlage Nr. 9
Diese Art der Erziehung hat sich aus der Flachbogenerziehung weiter entwickelt. Im Gegensatz zu dieser ist der Rebstock bei der Kordonerziehung einfacher zu schneiden.

Vertikoerziehung Anlage Nr. 7
Diese Erziehungsform wurde wegen ihrer guten Mechanisierbarkeit entwickelt. An einem 1,80 langen senkrechten Rebstock bringen Einaugenzapfen die Trauben tragenden Triebe.

Umkehrerziehung Anlage Nr. 8
Hier wachsen die Reben der Schwerkraft folgend nach unten. Diese moderne Art der Erziehung hat sich bis jetzt jedoch nicht durchsetzen können.

Offene Lyraerziehung Anlage Nr. 19
Die Lyraerziehung wurde von unseren Nachbarn den Franzosen entwickelt. Durch die Zweiteilung der Laubwand gelangt mehr Sonnenlicht in die inneren Blattschichten, diese assimilieren dadurch stärker und können bei gleichem oder mehr Ertrag mehr Zucker und Energie liefern.

Führungen am Kalmitwingert:
Zu den nachfolgend genannten Terminen führen die bewirtschaftenden Winzer über den Kalmitwingert. Sie vermitteln dabei nicht nur Wissenswertes über die Anlage; der letztjährige Wein und ein zweiter werden direkt im Weinberg verkostet. Unkostenbeitrag: 5,-- DM.
Treffpunkt: Rathaus, Ilbesheim, 10.00 Uhr
Übrigens: Man kann selbst als Auswärtiger Rebstockbesitzer werden. Mit 85,-- DM ist man dabei, die Ernte von sechs Flaschen und die Teilnahme an der jährlich stattfindenden Kalmitwingerttafel inbegriffen. Wers nicht glaubt, der kann sich bei den FCK-Größen Brehme und Ratinho erkundigen, die gehören nämlich dazu.....

Wer jetzt Lust zu einer Führung durch die Historische Weinbergsanlage bekommen sollte, der erkundige sich beim zuständigen Büro für Tourismus unter Telefon 06345/3531.